Aktuelle Forschungsbefunde zum Flynn-Effekt

Was ist der Flynn-Effekt?

Im Laufe des 20. Jahrhunderts stieg die Leistung der Bevölkerung bei Intelligenztestverfahren in weiten Teilen der Welt allmählich an. Dieses Phänomen, welches besagt, dass der IQ-Wert einer Population im Laufe der Zeit kontinuierlich ansteigt, wurde nach dem Politologen James R. Flynn benannt, der diese Theorie untersucht und in Studien anhand von Testergebnissen begründet hat.
Flynn-Effekt

Um den Flynn-Effekt verstehen zu können, ist es nötig, etwas tiefer in die Standardisierung von Intelligenztestverfahren einzutauchen:
Unsere häufig eingesetzten Intelligenztestverfahren, wie die Wechsler-Skalen oder die Matrizentests von Raven, verwenden eine standardisierte Skala, bei der 100 IQ-Punkte den Durchschnitt einer Population darstellen und die Standardabweichung 15 IQ-Punkte beträgt. Wird ein Testverfahren neu standardisiert, wird auch die Skala an die neue Normgruppe angepasst. Da die Fähigkeit zum Multitasking der Bevölkerung im Laufe der letzten Jahrzehnte immer mehr abverlangt, ist der Durchschnittswert im Schwierigkeitsgrad nach oben gerückt. Dies hat zur Folge, dass bei einem neu normierten Intelligenztestverfahren eine höhere Leistung für das gleiche Ergebnis erforderlich ist. Dementsprechend ergibt eine ähnliche Leistung zwischen zwei verschiedenen Editionen des gleichen Testverfahrens normalerweise eine niedrigere Bewertung in der neueren Auflage.

In einem seiner ersten veröffentlichten Artikel zu diesem Phänomen analysierte Flynn Daten aus 73 amerikanischen Studien, die zwischen 1932 und 1978 erhoben wurden. Die Ergebnisse zeigten, dass die Leistung der US-Bevölkerung in diesem Zeitraum um 13,8 Wertpunkte gestiegen ist, was einer nahezu vollständigen Standardabweichung entspricht. Inzwischen haben weitere Studien und Metaanalysen dieses Phänomen in vielen Ländern der Welt deutlich gezeigt.

Kürzlich wurden aber auch Studien veröffentlicht, die zeigen, dass der Flynn-Effekt nicht mehr linear verläuft. In den nordischen Ländern und Großbritannien scheint der Effekt in den letzten Jahrzehnten zu stagnieren. Einige Studien deuteten sogar auf einen Rückgang hin.

 

Wie kommt es zu diesem Phänomen?

Es gibt viele Theorien zur Ursache dieses Phänomens. Aus evolutionärer Sicht ist der Wandel sehr schnell verlaufen, sodass mehrere Faktoren zu dieser Entwicklung beitrugen. Neben besseren Lebensbedingungen durch eine verbesserte Nahrungsmittel- sowie Gesundheitsversorgung, erhielten immer mehr Menschen Zugang zu Bildung und die Möglichkeit, sich intellektuell weiterzuentwickeln. Es ist wahrscheinlich, dass dies die kognitive Entwicklung sowohl auf Einzel- als auch auf Gruppenebene begünstigte. Darüber hinaus ist der moderne Mensch mehr kognitiven Reizen ausgesetzt als früher und wird in seinem Alltag in zunehmendem Maße gezwungen, logische und räumliche Probleme zu lösen. Dies kommt ebenfalls der kognitiven Entwicklung zugute.

Eine weitere Theorie besagt, dass die gegenwärtige Bildung und moderne Technologien dazu führen, dass wir tagtäglich Aufgaben bewältigen müssen, wie sie auch in Intelligenztestverfahren abgefragt werden. Diese Theorie wurde jedoch kritisiert, da die nachgewiesenen Lerneffekte, beispielsweise die der Wechsler-Skalen, bereits nach einem Jahr kaum noch vorhanden seien. Weshalb der Flynn-Effekt in Ländern wie Schweden, Norwegen und Großbritannien gesunken zu sein scheint, ist noch immer unklar. Theorien beziehen sich auf Veränderungen in der dortigen Wirtschaft, in den Schulsystemen oder in der Demografie.

 

Wie wirkt sich der Flynn-Effekt auf die Entwicklung von psychologischen Testverfahren aus?

Die Normierungsdaten eines neuen Testverfahrens werden über einen gewissen Zeitraum vor der Veröffentlichung gesammelt und ausgewertet. Dies bedeutet, dass die Normen ein Abbild der Fähigkeiten der Bevölkerung zu einem bestimmten Zeitpunkt darstellen, während sich der Flynn-Effekt jedoch einem stetigen Wandel unterzieht. Aus diesem Grund ist der Flynn-Effekt einer von mehreren Faktoren, die bei der Wahl des Testverfahren zu berücksichtigen sind. Das Risiko, dass die Normen den kognitiven Entwicklungsstand der Bevölkerung nicht widerspiegeln, steigt mit der verstrichenen Zeit nach Veröffentlichung.

Flynn-Effekt in der Forschung

Da der Flynn-Effekt scheinbar nicht linear auftritt, wird Klinikern nicht empfohlen, ihre Testergebnisse bei der Interpretation des Testverfahrens anzupassen. Der sicherste Weg, um einen übermäßigen Einfluss des Flynn-Effekts zu vermeiden, besteht darin, immer die aktuellste Auflage eines Testverfahrens zu nutzen. Denn die neueste Edition spiegelt den aktuellsten Entwicklungsstand der vorherrschenden Bevölkerung am besten wider und kann so als Gegengewicht zum Flynn-Effekt betrachtet werden. Aufgrund dieser Tatsache ist Pearson stets darauf bedacht, ein Testverfahren alle zehn Jahre mit aktuellsten Normen neu aufzulegen.

 

Autorin:

Emma Sjöström, Psychologin und Testconsultant bei Pearson Clinical Assessment in Schweden

 

Referenz:

Grégoire, J., Daniel, M., Llorente, A. M., & Weiss, L. C. (2015). The Flynn effect and its clinical implications. In L. G. Weiss, D. H. Saklofske, J. A. Holdnack, & A. Prifitera (Eds.), WISC-V assessment and interpretation: Scientist-practitioner perspectives (S. 187-209). San Diego, CA, US: Elsevier Academic Press.